Überall gibt es Steine. Ich habe mich immer gefragt, was die wohl erzählen könnten.

Sie sind alt und haben bestimmt viele Geschichten erlebt und gesehen.

Hier sind Ihre Erzählungen


(c) Christian Wöhler

Auschwitz

 

Finger formen mich aus Lehm.

Feuer härtet mich.

Hände fügen mich neben meine Brüder und Schwestern ein.

Sonne strahlt uns an, lässt uns blutrot scheinen.

 

Ich freue mich. Wir sehen schön aus.

Die Spitze eines Torbogens.

Arbeiter verlegen Schienen unter mir durch.

Züge kommen. Menschen steigen aus.

 

Waffen glänzen in der Sonne.

Schmuck und Edelsteine auch.

Die Menschen gehen einer unsicheren Zukunft entgegen.

Einige blicken zu mir mit feuchten Augen hinauf.

 

Ein stechender, strenger Geruch weht zu mir hinauf.

Rauchschwaden umwehen uns.

Nehmen uns die Sicht.

Rauben uns die Sonne.

 

Ein langer Treck von ausgemergelten Körpern schleift unter mir vorbei.

Kaum mehr als Menschen zu erkennen.

Soldaten in Schwarz treiben sie voran.

Einer ungewissen Zukunft entgegen.

 

Die Stille wird durch Klagelaute und Wimmern unterbrochen.

Kettenrasseln, Motorgeräusche, Kanonendonner und Schritte von Stiefeln.

Bahren mit gequälten Seelen unter mir.

Mein Stolz ist Trauer gewichen und ich weine.


Gegen den Krieg

Kinderfüße treten mich;

Kicken den Ball weg.

Kinderlachen dringt zu mir.

Ich liebe Kinder.

 

Stiefel, harte Stiefel, treten mich.

Im Gleichschritt.

„Hurra, wir ziehen in den Krieg!“ dringt an mein Ohr.

Der Feind denkt bestimmt gerade genauso.

 

Schüsse treffen mich.

Blut tropft auf mich herab.

Schreie dringen an mein Ohr.

Die Luft ist voller Verzweiflung.

 

Ach. Wie sehr wünsche ich mir das Kinderlachen wieder herbei.


Der Ziegel

Er wurde von einer schwieligen Hand aufgehoben und eine Weile von einer vermummten Gestalt herumgetragen.

Worte und wilde Rufe drangen an sein Ohr, die er nicht verstand, aber die laut waren.


Dann wurde er weggeworfen.


In einem hohen Bogen flog er durch die Luft. Der Wind umspielte seine Seiten, und die Straße unter ihm huschte vorbei.


Er erblickte brennende Autos, Vermummte und noch mehr Seinesgleichen in deren Händen.


Dann traf er etwas hartes, weißes und spürte, dass das Getroffene zu Boden viel. Der letzte Blick, den der Pflasterstein erhaschte war der auf einen Polizisten, aus dessen Helm Blut floss.


Und der Stein weinte ....


Der Stein in der Mauer

Es war ein wunderbarer, sonniger und warmer Tag, als er von Meisterhand geformt und gebrannt wurde.
Seine Farbe war rot – so rot wie das Blut, das vor seinen Augen mehrfach vergossen werden sollte. Sehr zu seinem Leidwesen, denn der Mauerstein, von dem hier die Rede ist, wurde zu einem Teil eines Gebäudes, das eigentlich Frieden und Hoffnung ausstrahlen sollte.
Doch lest selbst, was dem Stein widerfahren ist.

*



Ungeduldig wartete er schon seit Tagen darauf, an die Reihe zu kommen. Seine rote Farbe war vollkommen und harmonierte sehr zu den übrigen Ziegelsteinen, die an der Dorfkirche verbaut wurden.


Dann war es endlich soweit – rauhe Hände trugen ihn hinauf auf den Turm und setzten ihn behutsam ein.


Das Werk war vollbracht, und das ganze Dorf war auf den Beinen.
Überall sah man glückliche und frohe Menschen, die feierten, dankbar hinauf auf die Turmspitze blickten, und einigen schien es, dass ein Stein dort oben besonders hell in der Sonne erstrahlte.


Es war unser Stein, der überglücklich seine ganze Pracht zeigte.


Den ersten Gottesdienst wird der Stein nicht vergessen. Zuerst war es furchtbar, denn die Glocken wurden geläutet und der Lärm war so laut, daß der Stein gequält einen kleinen Sprung in der Ecke bekam.


Aber mit der Zeit gewöhnte er sich daran. Der Priester sprach die Gebete und seine Predigt auf Latein, denn 1530 war dieses noch üblich.


Es war eine schwere und grausame Zeit an einem noch grausameren Ort.
Das Dorf war in den Highlands gelegen, sehr weit im Norden Schottlands.
Das Wetter und die Menschen waren rauh und unwirtlich, so dass es eigentlich an ein Wunder grenzte, dass bei der Einweihung des Gotteshauses, die Sonnenstrahlen ihr Lichterspiel auf die Wände und in das Innere malten.


Zuerst dachte der Stein, dass sein Platz so weit oben am schönsten sei.
Alle Leute blickten zu ihm auf und bemerkten seine einfache Schönheit.


An Regen- und Sturmtagen wünschte sich der Stein lieber einer der Steine zu sein, die am Altar oder am Hochamt ihr „Leben“ leben durften.
Die hatten es schön warm und trocken.


Wenn die Sonne den Kampf mit den Wolken gewonnen hatte, was wirklich selten vorkam, die war unser Stein wieder froh an der Spitze des Turmes eingebaut worden zu sein.


So bemerkte er rasch, dass alles sein Vor- und Nachteile hatte.


Vielleicht sollten sich die Menschen, die unter ihm hin und herliefen sich dieses auch mal bewusst machen.


Dann kam ein Schock, der das „Leben“ unseres Steines sehr verändern sollte.


Der Nachbar-Clan griff das Dorf an; schon bald halten Kampfeslärm, Waffengeklirr und Todesschreie durch die Gassen und drangen zu dem Stein hinauf.


Er erblickte Menschen, die sich gegenseitig umbrachten und keine Kompromisse zuließen.
Die Schwerter waren stärker als die Vernunft, und so kam es, dass unser Stein einen zweiten Riß bekam. Dieses konnte er nicht verstehen.


Die Steine lebten immer friedlich neben einander; warum konnten es die Menschen nicht?


Lag es vielleicht daran, dass sie nicht so eng aneinander gefügt waren, wie die Steine?


Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das aus anderen Motiven als Hunger tötet!


So grübelte der Stein und hing seinen Gedanken nach. Er sah hinab auf das Elend und Leid unter ihm und die Augen füllten sich mit Tränen....


Die Idee kam mir, weil unser Hund Fienchen immer so gerne nach Mäuschen sucht.

 

Für Fienchen

Eine feuchte Hundeschnauze kitzelt mich.

Schnuppert und wittert die Mäuschen, die sich hinter mir in der Erde versteckt haben.

Dann kommt die Pfote, die mich von der Erde befreit;

Die Zähne, die mich nehmen, und stolz davon tragen.

Doch der Hund hatte kein Glück.

Die Mäuschen waren schon weg.

Ich habe ihnen genug Zeit verschafft.


Perry Rhodan 1

Perry Rhodan  - (c) Pabel Moewig Verlag 

 

Die Wüstensonne brennt auf mich herab.

Eine Echse sucht Schutz vor dem heißen Sand.

 

Ihre Füßchen kitzeln mich, wenn er sie abwechselnd hebt.

Ein großer Schatten fällt auf mich herab.

Die Echse verschwindet.

 

Kettenglieder knirschen an mir vorbei.

Sie tragen eine große Last.

Die Hoffnung der Menschheit: Die STARDUST.

Und mit ihr Perry Rhodan.

 

Donner dringt zu mir herüber.

Staub nimmt mir die Sicht.

Die Hitze lässt mich zu Glas werden.

Da fliegt sie hin.

 

Die STARDUST erobert das All.

Zum Mond und weiter hinaus.

Zu den Sternen.


Perry Rhodan 2

Perry Rhodan - (c) Pabel Moewig Verlag

 

Die Wüstensonne brennt auf mich herab.

Staub liegt in der Luft.

Keine Luft zum Atmen.

Ein großer Schatten fällt auf mich herab.

Eine Kugel gleitet aus dem All der Erde entgegen.

Mit  ihr die Hoffnung der Menschheit.

Donner dringt zu mir herüber.

 Die Hitze lässt mich zu Glas werden.

Da sind sie: Perry Rhodan und die Arkoniden.

Eine Energiekuppel hüllt uns ein.

Raketen vergehen darin.

Das Leben hat wieder einen Sinn.

Um mich herum entstehen Straßen, Plätze, Gebäude.

Immer mehr Menschen finden sich ein.

Sie wollen ein Teil der Geschichte sein. Ein Teil eines Traumes, der Wirklichkeit wird.

Eine Hand greift umständlich nach mir. Eine Kinderhand.

Augen sehen mich an. Wundervolle Kinderaugen.

Ein Glucksen dringt zu mir.

Das Kind strahlt.

Hält die Glasperle in das Licht der Sonne.

Und ich strahle mit ihr um die Wette.


Stolperstein

Ich liege auf der Straße.

Achtlos gehen die Menschen an mir vorbei.

Dabei bin ich so wertvoll.

 

Ein Name ist eingraviert, Daten dazu.

Ein Quadrat auf der Erde. Ein Mensch.

Dabei ist jedes Leben wertvoll.

 

Einige bleiben stehen, beugen sich hinunter.

Zeigen so die Demut und verstehen.

Daher ist Wissen so wichtig.

 

Jeder Stein, ein ausgelöschtes Leben.

Stummer Zeuge der Nazidiktatur

Daher ist die Erinnerung so wichtig.


Zwangsarbeiterbaracke

 

Ich  liege am Fuße einer Treppe,

Kräftige Stiefel treten mich.

Gemurmel dringt an mein Ohr.

„Wird schon nicht so schlimm sein.“

 

Ich liege am Fuße einer Treppe.

Stiefel schleifen über mich hinweg.

Kraftlose Arme tragen Hacke und Schaufel.

 „Wann hat das alles ein Ende.“

 

Ich liege am Fuße einer Treppe.

Stiefel tasten vorsichtig über mich.

Kraftlose Arme tragen eine Bahre.

„Für ihn eine Erlösung.“

 

Ich liege am Fuße einer Treppe.

Kräftige Stiefel treten mich.

Tränen benetzen mich.

„You are free.“

 

Ich liege am Fuße einer Treppe.

Staub bedeckt mich.

Vorsichtige Hände befreien mich davon.

 „Nie vergessen.“